Reetdachdecker: Dachdecken wie in der Bronzezeit

Aufs Dach gehören Dachpfannen? Nicht unbedingt, es geht auch mit Reet. Reetdachdecker wissen, wie man Dächer mit dem natürlichen Rohstoff abdichtet und schützt.

Vom Flussufer rauf aufs Dach: Getrocknetes Schilfrohr, auch Reet genannt, wächst an Gewässern und wurde schon vor Tausenden von Jahren als Material zum Dachdecken genutzt. Vor allem in Norddeutschland, aber auch in Brandenburg oder im Schwarzwald gehören die mit dem natürlichen Rohstoff gedeckten Häuser zum gewohnten Landschaftsbild.

Die Lebensdauer eines Reetdaches liegt zwischen 30 und 50 Jahren, und zwischendurch muss es hin und wieder instand gesetzt und ausgebessert werden. Das erledigen Dachdecker der Fachrichtung Reetdachtechnik. Sie sind auf die Arbeit mit dem natürlichen Material spezialisiert. Zunächst begutachten sie die reparaturbedürftigen Dächer und entscheiden, wo und in welchem Umfang neues Reet angebracht werden muss.

Stellen, die dauerhaft von Blättern, Tannennadeln, Moos oder Algen bedeckt sind, gelten als besonders kritisch, denn hier kann sich Feuchtigkeit länger halten. Sie beschleunigt die Verwitterung des Reets. Um sie aufzuhalten, muss das Dach möglichst trocken gehalten werden. Moosbewuchs, Algen, andere Ablagerungen und schadhafte Stellen sind daher regelmäßig zu entfernen. Anschließend wird das Dach eingeebnet und die behandelten Stellen werden mit neuem Reet aufgefüllt.

Damit die einzelnen Enden der Reetbündel bündig abschließen und nichts übersteht, wird das Material mit dem Klopfbrett gerade und gleichmäßig in Form geklopft. Um die Bündel zu befestigen, bedient sich der Reetdachdecker unterschiedlicher Binde- und Nähtechniken; die Reetbündel werden beispielsweise mit Draht auf der tragenden Holzkonstruktion des Dachstuhls verschraubt oder vernäht. Mehrere Lagen Reet bilden schließlich eine 30 bis 40 Zentimeter dicke Schicht, die einander überlappen, so dass das Reetdach kein Wasser mehr durchlässt.

Wer für die dreijährige Ausbildung zum Dachdecker der Fachrichtung Reetdachtechnik entscheidet, der sollte ein Auge für Formen und Proportionen mitbringen. Daneben braucht er Teamfähigkeit, Geduld, Sorgfalt, handwerkliches Geschick, körperliche Fitness und technisches Verständnis. Wie alle Dachdecker sollten auch Reetdachdecker schwindelfrei und höhenfest sein.

Ein bestimmter Schulabschluss wird für den Beginn einer Ausbildung nicht vorausgesetzt, allerdings sollten grundlegende mathematische Kenntnisse vorhanden sein. Ein abgeschlossener Hauptschulabschluss ist sinnvoll. Die Inhalte der Ausbildung zum Dachdecker Fachrichtung Reetdachtechnik stimmt in den ersten beiden Jahren mit der Ausbildung der anderen Dachdecker überein, erst danach spezialisieren sie sich.

Innerhalb der Ausbildung lernen die Azubis, Dachflächen zu berechnen, Unter- und Tragekonstruktionen zu bauen und Dächer auf herkömmliche Art und Weise sowie speziell mit Reet einzudecken. Auch Materialkunde steht auf dem Lehrplan, schließlich müssen die zukünftigen Reetdachdecker auch die Qualität ihres Arbeitsmaterials beurteilen können. Ist das Reet trocken oder weist es Anzeichnen von Feuchtigkeit oder gar Fäulnis auf? Ist das Bündel richtig zugeschnitten?

In dem Handwerksberuf trifft Tradition auf Moderne. Reetdachdecker arbeiten sowohl mit althergebrachten Eindecktechniken und Werkzeugen, aber auch mit modernen Maschinen wie Motorsägen und Heckenscheren.

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Die Ausbildung wird mit einer theoretischen und praktischen Abschlussprüfung abgeschlossen. Anschließend kann mit einigen Berufsjahren Erfahrung eine Weiterbildung zum Dachdeckermeister erfolgen.

Die Arbeit auf dem Dach kann gefährlich und anstrengend sein, etwa durch
widrige Witterungsverhältnisse und das hohe Staub- und
Schmutzaufkommen. Doch im Gegenzug haben Dachdecker der Fachrichtung Reetdachtechnik sehr gute Chancen auf ein festes Angestelltenverhältnis. Darüber hinaus ist der Arbeitsalltag ist abwechslungsreich und kurzweilig, kaum ein Auftrag gleicht dem anderen.